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Videoschnitt
Wir danken dem Autor, Ruedi Züst
für die freundliche Erlaubnis diesen Text zu verwenden!
Film- und Video-Autoren Luzern
29. Januar 2002
Videoschnitt für Einsteiger
Übersicht über die verschiedenen Typen von Videoschnittsystemen
Wer als Videoschnitt-Einsteiger ein (nonlineares) Videoschnittsystem anschaffen möchte, kann aus einem recht grossen Angebot auswählen und steht damit vor der Qual der Wahl. Ratschläge von Freunden und Bekannten helfen nicht immer zur geeignetsten Lösung, denn sie kennen oft nur das eigene System und setzen ihr Gerät vielleicht auch für ganz andere Zwecke ein. Und nicht für jeden Verkäufer steht das Glück des Käufers an oberster Stelle. Besser ist es schon, selber zumindest mitdenken zu können. Denn für die Anschaffung müssen doch - falls man nicht bereits über einen neueren Computer verfügt, der sich für den Videoschnitt ausbauen lässt, und je nachdem, was das System leisten soll - wenige bis viele Tausender aufgewendet werden. Und diese möchte man ja so einsetzen, dass man möglichst lange möglichst viel davon hat. Deshalb hier ein Überblick über die verschiedenen Typen (Hardware und Software) und eine Sammlung von Überlegungen, die man sich machen kann. Im Anhang wird kurz erklärt, was sich hinter den Begriffen Storyboard, Timeline und Video-Insert verbirgt.
Wie funktioniert ein nonlineares Videoschnittsystem überhaupt?
Video"schnitt" besteht darin, Szenen aus den Aufnahmen auf der Original-Videokassette auszuwählen, in eine geeignete Reihenfolge zu bringen, mit passenden Übergängen und mit Ton zu versehen und das Resultat auf ein anderes Speichermedium - meistens auf eine andere Videokassette - zu kopieren.
Beim linearen Videoschnitt wird direkt von Kassette zu Kassette kopiert, indem unerwünschte Szenen einfach nicht mitkopiert werden. Dazu benötigt man zwei Geräte: ein Abspielgerät und ein Aufnahmegerät. Oft wird ein Steuergerät dazwischengeschaltet, welches die Auswahl der Szenenstücke komfortabler und präziser macht. Änderungen in der Reihenfolge der Szenen erfordern jeweils ein Hin- und Herspulen des Originalbandes.
Beim nichtlinearen Videoschnitt, der viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet, wird ein Umweg gemacht. In einem ersten Schritt wird der Inhalt der Original-Videokassette (oder Teile daraus) auf eine Festplatte (Harddisk) eines Computers oder eines computerähnlichen Gerätes überspielt. Im zweiten Schritt wird die Auswahl und Anordnung der Szenen, usw. bestimmt und erst im dritten Schritt werden die ausgewählten Szenen als fertigen Film von der Festplatte auf eine Videokassette oder ein anderes Speichermedium kopiert. Dies alles geschieht heute recht komfortabel mit Hilfe einer grafischen Oberfläche, d.h. auf dem PC-Bildschirm oder dem Fernsehbildschirm. Benötigt werden zusätzlich zu den Geräten spezielle Programme: die Videoschnitt-Software.
Geräte-Typen
Aus praktischer Sicht lassen sich drei Typen unterscheiden:
- die Stand-alone-Systeme, zu denen das allseits bekannte Casablanca gehört
- die Apple Mac Computer, die seit je bei grafischen Anwendungen obenauf schwingen
- die grosse Welt der Personal Computer (PCs) mit ihren Untertypen.
Zu den Stand-alone-Systemen gehören:
- die bei vielen Video-Amateuren beliebten Macro System Casablanca Avio, Avio DV oder Kron
- die neueren, wesentlich moderner auftretenden Applied Magic Sequel und Screenplay.
Stand-alone-Systeme sind eigentlich spezialisierte Computer, die verstecken, dass sie Computer sind. Sie können ausschliesslich für Videoschnitt eingesetzt werden und sollten deshalb beim Videoschnitt stabiler laufen als die handelsüblichen Allround-PCs. Sie basieren im Allgemeinen nicht auf den bekannten, verbreiteten Computer-Betriebssystemen sondern auf Eigenentwicklungen. Andere Software läuft nicht darauf. Dadurch ist man mit einem solchen System auf Gedeih und Verderb von der betreffenden Firma abhängig, wobei diese Firmen verhältnismässig klein sind. Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. Und Anpassungen des gekauften Systems an steigende Ansprüche oder an neue technische Entwicklungen sind nur im beschänkten Umfang des Angebots der betreffenden Firma und zu deren Preisen möglich.
Apple Mac Computer unterscheiden sich von den übrigen Computern dadurch, dass Hardware und Grundsoftware aus einer Hand stammen, ideal aufeinander abgestimmt sind und deshalb sehr stabil laufen. Für weitergehende Software gibt es viele Anbieter. Apple ist eine grosse Firma, was das Risiko für den Käufer verkleinert. In allen neueren Apple Macs ist die Grundausrüstung für den Videoschnitt bereits vorhanden: eine Firewire-Schnittstelle und ein einfaches, recht gutes Videoschnittprogramm. Apple selber und einige wenige namhafte Anbieter offerieren leistungsfähigere Videoschnittprogramme zu handelsüblichen Preisen. Apple Mac Computer können darüber hinaus für fast alle Computer-Einsatzgebiete eingesetzt beziehungsweise ausgebaut werden: Internet und E-mail, Textverarbeitung, Grafik, Bildbearbeitung, Kalkulation, Painting, Erzeugung bebildeter Drucksachen (Prospekte, Klubzeitung, Reiseberichte), usw., usw.
Personal Computer (PC) werden von sehr vielen Herstellern angeboten. Die Bestandteile und die Software stammen von den verschiedensten Anbietern. Sie sind von unterschiedlicher Qualität und passen nicht immer problemlos zusammen. Entscheidend für das gute Funktionieren ist das Können der Firma, welche die Bestandteile zu einem kompletten Computer zusammenstellt. Videoschnitt-Computer herzustellen ist ein Spezialgebiet, das leider viele nicht gut genug beherrschen. Nachdem nun aber Video von einer breiten, vorwiegend jungen Käuferschaft entdeckt wird, scheint Besserung in Sicht zu sein. Das Angebot an Computermodellen für die verschiedenen Anspruchsstufen vom Amateur bis zum Profi ist fast unermesslich und mit etwas Glück kann man zu sehr preiswerten Lösungen kommen. PCs lassen sich, wenn sie nicht zu alt sind, nachträglich in verschiedener Hinsicht erweitern und ausbauen, d.h. den sich verändernden Bedürfnissen anpassen: Geschwindigkeit, Memory, Festplattenkapazität, zusätzliche Funktionen, modernere Programme. Und selbstverständlich lassen sich PCs ausser für den Videoschnitt für alle erdenklichen Einsatzgebiete gestalten. Fast alle Videoschnittprogramme setzen als Betriebssystem eines der neueren Windows voraus: 98, 98SE, Me, 2000 oder XP. Für das ebenfalls verbreitete Linux-Betriebssystem existieren erst einzelne Videoschnittprogramme, vorwiegend Pionierlösungen.
Folgende Untertypen lassen sich unterscheiden:
Standardisierte Videoschnitt-Komplettsysteme werden vorwiegend von einzelnen grösseren Computerherstellern und z.B. in Deutschland von grossen Händlern angeboten. Meistens hat man eine Auswahl aus mehreren Modellen. Zu erwarten ist, dass solche Systeme problemlos laufen, zumindest solange keine Änderungen vorgenommen werden.
Individuell zusammengestellte Videoschnitt-Komplettsysteme werden von eher kleinen, spezialisierten Computerherstellern/Händlern aufgrund der Wünsche des Kunden zusammengestellt. Selbstverständlich gibt es solche mit gutem Namen und andere.
Standard-PCs, bei denen (ähnlich wie bei den Apple Mac Computern) eine Basisausrüstung für Videoschnitt im Lieferumfang bereits enthalten ist, gibt es erst seit kurzem. Diese sind meistens verhältnismässig preisgünstig und können für weitergehende Ansprüche zusätzlich ausgebaut werden.
Normale (neuere) Standard-PCs können mittels Video- oder Firewirekarte und passendem Videoschnittprogramm zu einem Videoschnitt-Computer ausgebaut werden. Geschicktere Käufer mit den entsprechenden Kenntnissen können den Ausbau leicht selber vornehmen, die Übrigen überlassen den Ausbau besser dem Lieferanten des Computers oder der Firewirekarte.
Software-Typen
Die verschiedenen Videoschnittprogramme unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Eines der Merkmale, das die Leistungsfähigkeit des Systems und den Komfort der Arbeitsweise ganz wesentlich bestimmt, ist, wie die einzelnen Filmsequenzen auf dem Bildschirm grafisch in Erscheinung treten:
Mit Storyboard, ohne Timeline
Die Storyboard-Ansicht auf dem Bildschirm hat den grossen Vorteil, dass die Reihenfolge der Szenen im entstehenden Film auf Grund der Szenenanfangs-Bildchen sehr einfach und übersichtlich geordnet werden kann. Dagegen ist die Länge der einzelnen Szenen im Vergleich zueinander visuell nicht direkt erfassbar und vor allem das exakte Vertonen macht mehr Mühe. Auch Video-Inserts sind vergleichsweise mühsam zu bewerkstelligen. Zu diesem Typ gehören beispielsweise:
- Casablanca in allen Versionen
- MGI VideoWave
- Sequel und Screenplay
Timeline mit einer Videospur
Die mir bekannten Produkte dieses Typs verfügen zusätzlich über die Storyboard-Ansicht, sind also für das Ordnen der Szenen ebenso einfach wie der obige Typ. Die Timeline-Ansicht verfügt bei den meisten dieser Produkte über eine Videospur, eine Originalton-Spur, eine Titelspur und zwei zusätzliche Tonspuren für Kommentare, Geräusche oder Musik. Meistens können alle Spuren einzeln hart geschnitten oder überblendet werden und die Tonspuren können separat und stufenlos in ihrer Lautstärke gesteuert werden. Videoschnittprogramme dieses Typs bieten damit enorme Vorteile beim Vertonen. Dagegen sind Video-Inserts, die in ernsthaften Videoproduktionen oft eine wichtige Rolle spielen, ebenfalls nur verhältnismässig mühsam oder über Umwege möglich. Typische Vertreter dieses Typs, die als leicht erlernbar gelten, sind:
- Apple iMovie
- Canopus Raptor Edit
- Digital Origin Intro DV
- Pinnacle Studio 9 Plus (Preis Jan 05 : Fr.149.-)
- Ulead Video Studio
- Panasonic MotionDV Studio 3: www.panasonic.de (leicht zu erlernen)
(Ältere Vollversion 2.1.4 auf CD im CHIP 02/2002)
Timeline mit mehreren Videospuren
Diese Produkte verfügen meistens über mindestens drei, acht oder gar 99 Videospuren und über ebenso viele Tonspuren.
Damit sind bei fast allen Produkten vielfältige - auch transparente - Überlagerungen im Bild- und im Tonbereich möglich, was beispielsweise das exakte Steuern von Video-Inserts sehr einfach macht. Natürlich geht die Übersicht leicht verloren, wenn zu viele Spuren gleichzeitig genutzt werden. Wegen des deutlich höheren Funktionsumfangs dieser Lösungen benötigen sie auch mehr Lernaufwand; manche deutlich mehr, andere etwas weniger. Bekannte Produkte dieser Art sind beispielsweise:
- Adobe Premiere
- AIST MovieXone, MovieDV und MoviePack
- Apple Final Cut Pro
- Digital Origin Edit DV
- Magix Video deLuxe
- Main Concept Main Actor
- Ulead MediaStudio PRO 7.0 (Preis Jan 05 : Fr. 187.-)
- Pure Motion EditStudio 3: www.puremotion.com
Was kann meinen Kaufentscheid beeinflussen?
Bin ich den Umgang mit PCs oder Macs bereits gewohnt. Wenn nein, traue ich mir es zu (eventuell zuerst in einem Computerkurs ausprobieren).
Habe ich Freunde mit einem vergleichbaren System, oder einen Händler, die mich in der Anfangsphase unterstützen.
Wie geschickt bin ich, respektive wie rasch und bei wem erhalte ich Hilfe, wenn das System bockt oder abstürzt.
Gibt es eine Telefon-Hotline.
Ist es möglich und bin ich bereit, an zweckdienlichen Kursen teilzunehmen.
Wie teuer sind diese und finden sie regelmässig statt.
Gibt es für mein System allgemein zugängliche Kurse, die ich vor dem Kauf schon besuchen könnte: Migros, KV, Volkshochschule, Abendkurse der Berufsschule, Kurse von Lieferanten.
Welchen Ansprüchen muss das System genügen: Anfänglich, d.h. in der Start- und Lernphase
und voraussichtlich später (Ausbaumöglichkeiten, wobei mit einem Zeitraum von rund drei bis vier Jahren gerechnet werden muss, denn nachher sind Neuanschaffungen kaum teurer als Ausbauten):
- für Familienfilme, ohne grossen Aufwand und Ansprüche, aber in einwandfreier Qualität
- für ernsthafte Amateurfilme (Video-Inserts, Vertonungsmöglichkeiten, längere Filme, ....)
- für semiprofessionelle Filme (zeitsparende, sichere Arbeitsweise, Top-Qualität z.B. der Titel)
- für professionellen Gebrauch (Kompatibilität mit anderen professionellen Systemen: Austauschbarkeit)
- für spezielle Anwendungen, z.B. Musikclips, animierte Filme, usw., die PC-Spezialsoftware erfordern.
Möchte ich neben dem Videoschnitt noch anderes auf demselben Gerät erledigen können, z.B. Bearbeitung von Fotos, Erstellen von Drucksachen, etc.
Wieviel darf das System kosten: anfänglich und über die ganze voraussichtliche Lebensdauer des Schnittsystems.
Wieviel Rohmaterial möchte ich gleichzeitig verarbeiten können und wie lange werden meine längsten Filme sein (bestimmt die nötige Grösse der Festplatte).
Bin ich jemand, der gerne mit neuen Programmen, beispielsweise aus dem Internet oder von Heft-CDs, pröbelt, oder gebe ich mich mit einem lauffähigen System zufrieden.
Anhang
Storyboard
In der Storyboard-Darstellung wird jede in den Film aufgenommene Szene durch ein kleines Foto dargestellt, meist durch eines der ersten Bilder (Frames) der Szene. Die zeitliche Reihenfolge der Szenen des Films zeigt sich meistens als horizontale Reihe von Fotos von links nach rechts auf einer, zwei oder drei Zeilen. Die Länge der einzelnen Szenen ist in der Storyboard-Darstellung nicht ersichtlich.
Timeline
Die Timeline besteht aus mehreren horizontalen Balken. Jeder Balken stellt eine Videospur, eine Textspur oder eine Tonspur in ihrem zeitlichen Verlauf von links nach rechts dar, wobei über diesen Spuren eine (dehnbare) Zeitskala vorhanden ist. Jede Filmszene, aber auch jede Titel-"szene" und jede Ton-"szene" wird als Rechteck gezeigt, dessen Länge die Zeitdauer der Szene angibt. Aufeinander folgende Rechtecke stehen nicht frei, sondern werden aneinander angeschlossen. Die Rechtecke enthalten entweder die Kurztitel oder Fotos der betreffenden Szenen.
Video-Insert
Stellen wir uns als Beispiel eine Videoaufnahme eines Gesangsvortrags vor (Videobild des Sängers und Aufnahme des Originaltons). Von einem Video-Insert spricht man, wenn ein Teil der Videobildaufnahmen des Sängers durch andere Videobilder - beispielsweise des Publikums oder aus dem Privatbereich des Sängers - ersetzt wird, während der Originalton des Gesangsvortrags unverändert beibehalten wird.
Rudolf (Ruedi) Züst
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